Es sieht gut aus: Bisher deuten alle Zeichen darauf hin, dass die im Mittleren Kinzigtal lebenden Menschen mindestens genauso gut und in einer ganzen Reihe von Bereichen sogar besser versorgt werden als im Rest Baden-Württembergs. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die EKIV, die Evaluationskoordinierungsstelle Integrierte Versorgung an der Abteilung für Medizinische Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Gleichzeitig sind die Signale positiv, was die Kosten der Gesundheitsversorgung im Kinzigtal angeht: diese entwickeln sich eher günstiger als die im Rest des Landes. Dies ergibt sich aus den bislang vorliegenden und veröffentlichten finanziellen Ergebnissen der beteiligten Krankenkassen. Damit wären die beiden Ziele, die mit dem bundesweit einmaligen Projekt verbunden sind, in Reichweite: gleich gute oder bessere Versorgung ohne steigende Kosten.
Die Integrierte Versorgung Gesundes Kinzigtal nahm Ende 2005 ihre Arbeit auf. Um darüber entscheiden zu können, ob das Engagement und die Investitionen sinnvoll und zielführend sind, werden alle Entwicklungen dokumentiert und analysiert. Dabei werden die Daten aus dem Versorgungsgebiet der Integrierten Versorgung Gesundes Kinzigtal mit den Ergebnissen anderer Regionen verglichen. Basis jedes Vergleichs bilden die Eckdaten von 2004: Das war das letzte Kalenderjahr ohne Angebote und damit eventuellen Veränderungen durch die Arbeit der Gesundes Kinzigtal und der mit ihr verbundenen Leistungspartner. Das heißt, alle Entwicklungen – sowohl die im Versorgungsbereich als auch die in den anderen Regionen – werden mit den Daten von 2004 verglichen, um Veränderungen zu dokumentieren. Gleich vier unabhängige Forscher oder universitäre Forschungsgruppen untersuchen die Arbeit der Integrierten Versorgung.
Sieben Fragen gilt es zu beantworten, um diese nachhaltig bewerten zu können: Wird eine stärkere Patientenaktivierungund Patientenbeteiligung erreicht? Sind die Versicherten zufriedener? Wie entwickelt sich das Gesundheitsniveau? Gibt es weniger Über-, Unter- und Fehlversorgung – also eine optimierte Versorgungsqualität? Sind die Leistungspartner zufrieden? Gibt es eine bessere Zusammenarbeit der Leistungserbringer? Ist die Integrierte Versorgung wirtschaftlicher – ohne Qualitätsverlust? In der EKIV laufen die Ergebnisse zusammen, hier werden sie auf einen Nenner gebracht, zusammengefasst und dokumentiert. Geleitet wird die EKIV von Dr. phil. Achim Siegel und Dr. päd. Ulrich Stößel. Dass die Integrierte Versorgung Gesundes Kinzigtal sich so auf die Finger schauen lässt, ist einmalig. „Nirgendwo sonst in Deutschland existiert für Projekte der Integrierten Versorgung eine derart umfangreiche und unabhängige Evaluation“, sagt Dr. Siegel.
Die Forschung wird zwar auch noch die nächsten Jahre weitergehen – Veränderungen im Gesundheitswesen brauchen ihre Zeit – aber auch aus den Zwischenergebnissen der ersten drei bis vier Jahre zeichnen sich Tendenzen ab. „Aus den bisherigen externen Evaluationsstudien ergibt sich in unseren Augen bislang eine recht positive Zwischenbilanz.“ In vielen Bereichen seien Anzeichen für eine relativ hohe und vor allem weiter gestiegene Versorgungsqualität zu erkennen. Das gelte auch im Vergleich mit dem übrigen Baden-Württemberg. Für eine Verschlechterung der Versorgung gebe es dagegen keine Signale.
Seit 2008 wird das Engagement der Partner jährlich abgefragt. Mittlerweile ist die dritte Runde abgeschlossen und ausgewertet. „Die Zufriedenheit der Leistungspartner mit dem bisherigen Verlauf der Integrierten Versorgung war bei allen drei Befragungen sehr hoch“, berichtet Dr. Achim Siegel und gibt zwei Beispiele: „Auf die Frage, ob sie wieder Mitglied der Integrierten Versorgung werden würden, antworteten 94 Prozent mit »ja«. Den gleichen Wert erzielte die Antwort »Ich würde anderen die Mitgliedschaft empfehlen«.“
Das Projekt zur Feststellung von Über-, Unter- und Fehlversorgung, kurz ÜUF-Projekt, wird von der PMV Forschungsgruppe an der Universität zu Köln geleitet. Hier werden in einem aufwändigen Verfahren – einer quasi-experimentellen kontrollierten Studie – die Daten der im Kinzigtal wohnenden LKK- und AOK-Versicherten mit einer repräsentativen Vergleichsgruppe abgeglichen – selbstverständlich anonymisiert. Zur Zeit der Drucklegung des Jahresberichts 2011 lagen die Zwischenergebnisse des ÜUF-Projekts für die Jahre von 2004 bis 2008 vor.
Um die Qualität der Versorgung vergleichbar zu machen, nehmen sich die Forscher einzelne Themen vor. So ist es in der Fachwelt etwa unbestritten, dass Arzneimittel, die einen Menschen möglicherweise abhängigmachen, möglichst nur kurzfristig verordnet werden sollten. Eine Gruppe von Medikamenten mit einem hohen Potenzial zu Möglichkeiten des Missbrauches und der Entstehung einer Abhängigkeit sind Benzodiazepine. Sie haben angstlösende, sedierende oder schlaffördernde Wirkung und besitzen ein hohes Abhängigkeitspotenzial – besonders bei längerfristiger Anwendung. Sie werden auch Tranquilizer genannt. Während sich 2008 in Baden-Württemberg bei 3,9 Prozent aller AOK-Versicherten über 18 Jahre eine längerfristige Benzodiazepin-Verordnung findet, liegt der Anteil im Versorgungsbereich von Gesundes Kinzigtal deutlich niedriger: Hier sind es 2,4 Prozent.
Ein weiteres positives Ergebnis der ÜUF-Studie ist, so Dr. Achim Siegel, „die verringerte Frakturprävalenz bei Patienten mit Osteoporose“; Osteoporose wird im Volksmund auch Knochenschwund genannt. Vereinfacht ausgedrückt: Im Kinzigtal ist der Anteil der Osteoporose-Patienten, die einen Knochenbruch erleiden, geringer als im Rest Baden-Württembergs. Im Land lag der Anteil 2008 bei 30,0 Prozent, im Versorgungsgebiet der Gesundes Kinzigtal bei 22,4 Prozent. Hinzu kommt: Während der Anteil der Osteoporose-Patienten mit Knochenbrüchen im Rest Baden-Württembergs von 2004 bis 2008 um elf Prozent stieg, konnte er im Kinzigtal mit einem Plus von zwei Prozent nahezu konstant gehalten werden. Für den Freiburger Wissenschaftler zeigen diese Zahlen einen „echten Präventionserfolg“ – weitere Informationen dazu gibt es im Anhang.
Auch wenn es erst Zwischenergebnisse sind, die beiden Wissenschaftler sind positiv, dass die Gesundes Kinzigtal auf einem guten Weg ist. Dr. Stößel und Dr. Siegel sind sich einig: „Im ÜUF-Projekt zeigen die meisten Kennziffern und Indikatoren eine relativ hohe und im Zeitverlauf zunehmende Versorgungsqualität im Kinzigtal. Dabei haben sich zahlreiche Indikatoren im Kinzigtal stärker verbessert als im übrigen Baden-Württemberg, das zum Vergleich herangezogen wurde. Hingegen können wir bislang keine ernstzunehmenden Anzeichen für eine Verschlechterung der Versorgungsqualität im Kinzigtal erkennen.“
Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der EKIV unter www.ekiv.org.